Maxime Prévot auf diplomatischer und wirtschaftlicher Mission in China: „Der Dialog mit China ist unerlässlich, aber ohne Naivität“
Der Vizepremierminister und Außenminister Maxime Prévot reist vom 27. April bis 1. Mai zu seinem ersten offiziellen Besuch nach China. In fünf Tagen und vier Etappen – Hongkong, Shanghai, Hangzhou und Peking – führt er politische Gespräche, unter anderem mit Vizepremierminister He Lifeng und Außenminister Wang Yi. Der Minister wird belgische Unternehmen treffen, die mit den Realitäten des chinesischen Marktes konfrontiert sind. Zudem spricht er zentrale geopolitische Fragen an sowie die Notwendigkeit fairerer wirtschaftlicher Wettbewerbsbedingungen.
Die Reise folgt auf das erste Treffen der beiden Außenminister im Juli 2025 in Brüssel und fällt mit dem 55‑jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Belgien und China zusammen. Sie findet in einem angespannten geopolitischen Umfeld statt, insbesondere mit Blick auf den Nahen Osten, wo China ein wichtiger Ansprechpartner des Iran bleibt.
„China ist ein unverzichtbarer Partner. Unsere Unternehmen sind dort präsent, unsere Interessen sind konkret, und globale Herausforderungen – vom Klima über die Ukraine bis zum Iran – lassen sich ohne Peking nicht lösen. Diese Beziehung muss jedoch klar und realistisch sein: Wir wollen faire Spielregeln, echten Marktzugang und einen offenen Dialog, auch über heikle Meinungsverschiedenheiten“, erklärt Minister Prévot.
Eine enge, aber unausgewogene Beziehung
Belgien und China unterhalten intensive Wirtschaftsbeziehungen. Belgische Unternehmen haben bedeutende Investitionen in China getätigt. Umgekehrt sind zahlreiche chinesische Firmen in Belgien aktiv und prägen dort die Wirtschaft. Rund 400 Unternehmen mit mehrheitlich chinesischem Kapital sind in Belgien ansässig. Sie schaffen schätzungsweise zwischen 8.000 und 10.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze.
Die von Peking gewährte Visabefreiung für belgische Staatsbürger erleichtert die Mobilität. Belgien hat diesen Schritt ausdrücklich begrüßt. In Hongkong, wo das Generalkonsulat in diesem Jahr sein 100‑jähriges Bestehen feiert, sind über 80 belgische Unternehmen tätig. Rund 1.300 Belgierinnen und Belgier leben dort. Der Logistikkorridor Hongkong–Lüttich über das Cainiao‑Hub am Flughafen Lüttich macht Belgien zu einem zentralen europäischen Eingangstor für einen großen Teil des chinesischen E‑Commerce.
Dieses Wachstum darf jedoch nicht zulasten europäischer Unternehmen gehen. Belgien unterstützt daher die Europäische Kommission bei der Suche nach einem faireren Rahmen für den elektronischen Handel. Diskutiert werden unter anderem eine neue Einfuhrabgabe von drei Euro sowie zusätzliche Abfertigungsgebühren von zwei Euro. Die Details sind noch Gegenstand von Gesprächen.
Der Hintergrund ist eine zunehmende Schieflage. Das Handelsdefizit der EU mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, ein Anstieg von 18 Prozent innerhalb eines Jahres. Chinesische Überkapazitäten und Marktverzerrungen setzen europäische, auch belgische, Unternehmen unter Druck.
Belgische Firmen berichten vor Ort weiterhin über Hürden: eingeschränkter Marktzugang, intransparente Verfahren und unzureichender Schutz geistigen Eigentums. Minister Prévot wird diese Punkte bei seinen chinesischen Gesprächspartnern direkt ansprechen und für Gegenseitigkeit sowie faire Wettbewerbsbedingungen im Rahmen eines europäischen Ansatzes werben.
Wirtschaftsdiplomatie: den Unternehmen zuhören, ihre Interessen vertreten
An jeder Station trifft der Minister Vertreter der belgischen Wirtschaft, um ihre konkrete Situation und die Herausforderungen der chinesisch‑europäischen Beziehungen zu erfassen. Er besucht das Werk des belgischen Unternehmens Syensqo (ehemals Solvay) in Shanghai sowie das Forschungs‑ und Entwicklungszentrum von Geely, Hauptaktionär von Volvo, dessen Produktionsstandort sich in Gent befindet. Weitere Stationen sind der Hauptsitz von Alibaba in Hangzhou, das Technologieunternehmen DEEP Robotics sowie eine Protonentherapie‑Anlage von IBA in einem Krankenhaus in Peking. IBA hat seinen Sitz im wallonischen Brabant und steht beispielhaft für den Export belgischer Spitzentechnologie nach China.
In Hongkong informiert sich der Minister bei Anglo‑Eastern über die Herausforderungen des globalen Seeverkehrs. Die Reedereigruppe befindet sich im Besitz belgischer Familien, ist eng mit dem Hafen Antwerpen‑Brügge verbunden, betreibt 750 Schiffe und beschäftigt mehr als 39.000 Seeleute. Die Krise in der Straße von Hormus bringt den Welthandel durcheinander. Diese Route ist für rund ein Fünftel des weltweiten Öl‑ und Gasverbrauchs zentral. Die Spannungen haben die Versicherungs‑ und Transportkosten stark steigen lassen. Für eine offene Volkswirtschaft wie Belgien ist die freie Schifffahrt von vitalem Interesse.
Die Zusammenarbeit geht über den Handel hinaus. So besucht der Minister auch die Verbotene Stadt. Mit ihr wurde ein Abkommen geschlossen, das belgischen Expertenteams ermöglicht, bei der Restaurierung des Chinesischen Pavillons in Laeken mitzuwirken.
Alle großen internationalen Fragen auf der Agenda
Das Gespräch mit Außenminister Wang Yi wird sich den großen geopolitischen Themen und dem Multilateralismus widmen. Belgien und China teilen den Aufruf zur Deeskalation im Golf sowie zur Wahrung der freien Schifffahrt in der Straße von Hormus. Mit Blick auf die Ukraine wird Belgien seine Sorge über die chinesische Unterstützung der russischen Kriegswirtschaft zum Ausdruck bringen.
Das Treffen mit Vizepremierminister He Lifeng konzentriert sich auf die wirtschaftliche Dimension der Beziehungen und die bestehenden Ungleichgewichte.
Menschenrechte werden offen angesprochen, sowohl in Hongkong im Austausch mit den lokalen Behörden als auch in Peking.